Wilde Saale ausgraben: Vierter Saalearm für Halle

Viele Bauprojekte zu DDR Zeiten waren große Sünden. Sünden, die das Land teilweise mehr veränderten als die Zerstörungen durch den 2. Weltkrieg selbst. Auch Halle hat sich stark verändert. Riebeckplatz, Marktplatz, das sind die bekanntesten Opfer, die Veränderungen erst in den 50ern durch gemacht haben. Etwa erst 10 Jahre nach Kriegsende.

Und viele Hallenser wissen sicherlich nicht, wie sehr die Saale verändert wurde. Im Zuge der Erschließung der Verkehrswege nach Halle-Neustadt wurde der Saale ein komplett neues Gesicht gegeben. Begradigungen und Verlegungen waren nur ein kleiner Teil, auch wurden einige Gräben – wie der Kotgraben – komplett geschlossen. Aber die größte Änderung erfuhr die Saale ganz im Westen bei der Wilden Saale. Dort, wo einst die Sieben-Bogen-Brücken standen. Wer sie noch kennt weiß, sie standen mal am Sandanger, der einst mal eine Insel war. Die vorgelagerten Inseln wurden komplett abgetragen, und die Wilde Saale am Sandanger wurde verschüttet. Hauptarm der Saale wurde dann die seit dem so genannte Elisabeth-Saale.

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Quelle: Historischer Stadtplan um 1900

Zurückblickend war dies eine der größten Bausünden in unserer Stadt. Denn der Saale hat man einen Flussarm geraubt, den der Fluss für die Wasserverteilung und somit einen besseren Hochwasserschutz dringlich bräuchte. Denn mehr Flussbett bedeutet auch gleich mehr Hochwasserrückhaltebecken, bevor ein Fluss über seine Ufer hinaus tritt.

Schauen wir uns mal die Saale in unserer Stadt genauer an, denn wie sie ihr Flussbett durch unsere Stadt schlägt, ist doch sehr interessant. Im Süden und im Norden gräbt sich die Saale durch ein Bergmassiv (es entstehen natürliche Barrieren), und in der Stadtmitte hingegen kann sich die Saale ausbreiten, da sie dort einen flachen, sehr mürben Residualgesteinsboden vorfindet. Zeugen dessen sind die Pfählungen, auf denen die Häuser in der Innenstadt stehen, vor allem im Bereich Hallmarkt sind sie zu finden. So hat die Saale ein ganzes System an Flussarmen geformt. Was auch eine größere Zahl an Inseln hervorbrachte. Grund ist eine geologische Verwerfung, die auch „Hallesche Störung“ genannt wird, die dafür sorgt, dass der Boden sehr locker und mürbe zwischen den Bergmassiven ist. Als Nebenprodukt dessen konnte die Stadt von der Salzsole leben, die durch genau diese Bedingungen unter der Oberfläche verborgen liegt und zu Tage befördert werden kann. Saale, Störung, Salz: das gehört also alles zusammen.

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Quelle: GEOVLEX – Uni Halle

Zu DDR Zeiten wurde diese Problematik durch ein zentrales Hochwasserleitsystem kontrolliert. Doch seitdem das Land wieder dezentralisiert ist, ist auch dieser Hochwasserschutz weggefallen. Ergo steht die Stadt Halle wieder allein da. Und vor rund 2 Jahren hat die aktuelle Situation gezeigt, wie sehr allein Halle da steht. Als sich Leipzig rettete und seine Schleusen öffnete, hat Halle diese Massen an Wasser, die vor unseren Toren aus Saale und Weißer Elster zusammen fließen, nicht mehr fassen können.

Hätte der verblichene Flussarm der Wilden Saale damals helfen können? Gänzlich nicht, aber der Stadt eine bessere Kontrolle über den Fluss geben können. Da wir aber nicht jedes Jahr solche Hochwasser zu bewältigen haben, können höhere Pegel besser abgefangen werden, und Halle käme mit kleineren und mittleren Hochwassern besser zurecht. Dass die Stadt schon des öfteren gewaltige Hochwasser erlebt hat, können wir den Pegelmarken der Häuser in der Innenstadt nahe der Saale entnehmen. Wenn die Stadt sich ihren Fluss wieder zurück holen sollte und die Wilde Saale am Sandanger wieder ausgräbt, könnte man auch im Zuge dessen die noch einzig existierende der alten Sieben-Bogen-Brücken wieder ausgraben, die ebenfalls verschüttet wurde und noch immer am Sandanger unter der Erde begraben liegt.

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Quelle: Halle Spektrum

_20160620_140524Quelle: Buch „Halle und die Saale – Verflechtungen der 1200-jährigen Stadt mit ihrem Umland durch Wasserwirtschaft und Bergbau sowie Folgeindustrien“ von Christoph Ohlig

Wo aber könnte die Wilde Saale wieder fließen? Eigentlich im alten Flussbett, aber man kann auch die Chance nutzen und sie entlang des Gimritzer Dammes legen. Ein Flussarm also zwischen Damm und Rummelplatz. Wie das aussehen kann hab ich bereits hier beschrieben. Ich finde, es wäre eine echte Chance, alte Sünden rückgängig machen und die Stadt um einen weiteren Saalearm zu bereichern.

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