Na! Wie geht´s so, altes Haus ?

Autor: Stefan Sakowitz

„Schee is!“ (1) Mit dieser Grundstimmung wanderte ich so über das Burgareal hinweg und an der oberen Donau, in der Senke zwischen schwaebischer Alb und Sued-Ostflanke des Schwarzwaldes, entlang.
Nun mag es ja durchaus erträglich sein, sich als connaisseur und bonvivant durch die Existenz zu drücken, aber als Lebensinhalt erscheint das ja nicht einmal mir hinlänglich.

Nach Trump und AfD wollte ich ein wenig über die “Weißen, alten Män-
ner” (2), die WOMs (engl. White Old Males), nachdenken.
Schon Sven Regeners (2) zynische Bemerkung, das „Weiß“ in „Weiße, alte Männer“ sei auch schon wieder rassistisch, wirkte auf mich wie der Schuss des abgehalfterten Westernhelden (4). Mein eigener, spontaner Reflex war kein Stück besser. Keine Frage,
an einigen Schurkereien meiner Alterskohorte war sogar ich beteiligt, aber kaum an mehr als disqualitativ 5%; an der #metoo-story schon gar nicht.
Aber trotzdem soll ich, da eben auch schon über 50, nun zu den „üblichen Verdächtigen“ (3) gehören.
„Keine Sache. Aber stellen Sie Sich bitte in der Reihe hinten an!“ Bei mir, dem „üblichen Verdächtigen“ (3), werden doch alle brutalstmöglich bedient. Damit war ich wieder bei John Wayne & Co.
Nein. Völlige, gedankliche Sackgasse. Die pöbelnden Trumpnecks und GAUländer haben mit Richard Blaine (3) und Reuben J. Cogburn (4) nicht das Allergeringste zu tun. Wirklich nicht.

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Neuer Denkansatz, neues Unglueck.
Männliche Menopause. Nie ein Held gewesen.
Immer nur der nach unten tretende, nach oben buckelnde Massenmitläufer im profanen, stumpfgesellschaftlichen Gier- und Prahlsystem. Und selbst für das eigentlich in Jugendjahren erträumte „Dolce vita“ (5) hat es nichtmal ansatzweise gereicht. In der ausgehenden Woche noch keine 5 Minuten mit Ehefrau Nummer (2) gesprochen; die Kinder aus erster Ehe haben sich schon seit bald 2 Jahren nicht mehr gemeldet. Der neue Chef scheint sich wirklich nur mit Kollegen der eigenen Alterschicht (~35) unterhalten zu wollen. Dann will der alternde Mann das große Weltbild („The big picture“) sehen, obwohl er bis heute für Philosophen nur Spott übrig hatte, und bescheidet sich damit, nur einen Blick auf das eigene Selbst zu werfen.
Und da ist nichts. So wenig, wie erträgliche Gesellschaft oder echte Freunde. Jetzt bin ich schon geneigt, bei „uns“ (vonwegen) eine pathologische Einsamkeits- und/oder Singularitätspsychose zu attestieren. Seit wann bin ich denn Veterinär-Psychiater? Irgendwer muss Schuld sein; Hauptsache er/sie/es trägt nicht meinen Namen.

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Und da ist nichts (siehe oben). Folglich suchen „die“ (oder wer immer sich gemeint fühlen will), die weißen, alten Männer, nach „Identität“.
Mir persoenlich mutet die Identität ja manchmal wie ein Beinahe-Paradox an: Gleichzeitig soll die Gleichheit mit etwas postuliert werden, und dann will dieses abenteuerliche Unterfangen nur in der Differenz zu irgendwelchen, arglosen Anderen gelingen.
Falls diese Operation schon aus logischen und funktionalen Gründen scheitern sollte, wäre ich nicht überrascht. Bietet sich also die Verortung in der Welt der eigenen Lebensspanne, immerhin schon mehr als ein halbes Jahrhundert, an.
Als Söhne der Halbwaisen (auch in den USA), ist uns das Panorama würfelförmiger Billigzweckbauten als „Bauhaus-Moderne“ (6) verkauft worden. Was wohl Millionen tapfer schwitzende Eisenbieger aus Süd-Europa oder Lateinamerika von Walter Gropius wussten?
Richtig bitter: Heute, 2018, verweigert sich die Dessauer Bauhaus-Museumsleitung (6) nach den Protesten von Nazis und Zentrumspolitikern schon der eigenen, freien Meinung.
Der vor der Hitler-Groko geflohene Gropius rotiert im Grab. Potemkin scheint doch zeitlos zu sein, und war im realen Leben ein brillianter Militär und ingeniöser Volkswirtschaftler. Das 50jährige Jubiläum der „68er“ ist tosendlaut, aber megapeinlich verschämt verschwiegen worden, weil die gealterten 68er heute leicht schimmelig-grün jene Bourgeoisie (7) sind, die vor 50 Jahren bis aufs vegane Tomatenmesser bekämpft werden sollte. Schon komisch: Wie kann jemand linksgrünliberal schuldig sein, der/die/das rein gar keine Idee in die Realität umgesetzt hat?
Nicht einmal die „endlosen Weiten“ (8) gesehen.
Fast 50 Jahre nach der ersten Mondlandung gibt es keinen Grundstein einer Mondbasis (9).
Lediglich die Russen tanzen noch казачок im Orbit. Wer als Westler zu ISS-Besuch kommen will, lernt Russisch oder bleibt zuhause. Wollen Sie Sich mit Ihrer eigenen Lebensspanne identifizieren? Wie bemerkte Andreas Maier (*1967) sinngemäß so treffend: „Der feuchte Traum der Deutschen: Ein Fachwerkhaus, 100 Stockwerke hoch!“ Na, wie geht´s altes Haus?

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Das klang jetzt wie ein eleganter Schlusssatz? Pech gehabt. Auch so eine Unsitte der neueren Dramaturgie: Der Schurke (vielleicht auch der „Weiße, alte Mann“, WOM) steht noch 15 x¹⁰  wieder auf. Könnte das denn nicht auch heißen, dass sich auch im höheren Semester nicht noch die eine oder andere Peinlichkeit vertuschen oder so manch eine Panne „wieder glattziehen“ ließe? Wer es sich leisten kann, versucht es mit „La dolce vita“ (5). Könnte ein schöner Rentnerurlaub werden: Ihre Alte springt in den Trevi-Brunnen, Sie gehen mit ihrer Handtasche schweigend weg und blechen die nächsten 14 Tage nicht die Kaution bei den Carabinieri. So ganz persönlich habe ich aber den Eindruck, dass es „Das gute Leben“ (11) fuer alle, jenseits von Bosheit, Frustration, Wut und Angst, geben könnte. Ist gewiss mehr Gedanken wert, als das eigene, kleine Zipperlein.


Quellen:

  1. Marlene Knobloch, „Stammtisch in Bayern“,
    DIE ZEIT,13.10.2018
  2. Juergen Ziemer, „Warum der Rassismus“,
    DER FREITAG, Ausg 40/2018
  3. Claude Rains in „Casablanca“, Michael Curtiz, 1942
  4. “True grit”, Henry Hathaway, 1969
  5. ”La dolce vita”, Federico Fellini, 1960
  6. ”Deutschland gehoert zu den Top-Reisezielen2019“,
    faz.net, 23.10.2018
  7. “ Le charme discret de la bourgeoisie”, L. Buñuel, 1972
  8. „Star Trek“, Gene Roddenberry, 1966
  9. “Space1999“, Gerry Anderson, 1975
  10. Peter Sellers in „The Party“, Blake Edwards, 1968
  11. “Das gute Leben“, D.Vogt, B.Faust, L.Y.Roloff, DiB2017

Fotos: ©Stefan Sakowitz

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